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Dieses Thema hat 18 Antworten
und wurde 754 mal aufgerufen
 SINATRA - DIE MUSIK (ALLGEMEIN)
Holger Schnabl
Prinzipal & Melancholiker


Beiträge: 1.635

25.02.2006 23:26
Sinatra ein Jazzer? Zitat · antworten

Guten Tag!

Hier ein Thema, dass wie kaum ein anderes für eine vielschichtige Diskussion geeignet ist und welches auch schon in anderen Foren hie und da angesprochen wurde (was aber kein Grund ist, es nicht auch hier zur Sprache zu bringen):

War Sinatra ein Jazz-Sänger bzw. hat er auch Jazz gesungen?

Jazz-Puristen bringen Sinatra vermutlich zunächst einmal mit seinen Streicher-orientierten Aufnahmen in Zusammenhang und werden schon allein aus diesem Grunde mehrheitlich abwinken. Dem gegenüber stehen aber Songs bzw. ganze Alben aus allen Phasen von Sinatras langer Karriere, in denen er auf die Vewendung von Streichern verzichtete. Zudem finden wir in den Live- und Studio-Orchestern immer wieder hochkarätige Jazz-Musiker und es gibt Zusammenarbeiten zwischen Sinatra und Giganten des Jazz wie Count Basie, Duke Ellington, Ella Fitzgerald, Louis Armstrong und Oscar Peterson – wie Sie also sehen, eine hochgradig interessante Frage, die aus veschiedenen Blickpunkten aus betrachtet werden kann, soll und muss.

Selbstverständlich ist es aber auch genauso legitim, zu sagen: Musik ist entweder gut oder schlecht, ob man ihr nun das Etikett Jazz, Pop oder Polka umhängt, ist im Grunde einerlei.

Je nun, werte Besucher dieses meines Forums, wie stehen Sie zu dieser Frage, was spricht für, was gegen die Ansicht, Sinatra sei ein Jazz-Musiker gewesen bzw. ganz sicher keiner gewesen?


Allen noch einen gemütlichen Abend
H.S.

Sinatra - Entertainer Of The Century
http://www.geocities.com/allthewaysinatra
“...die Diskussion geht weiter!...wo wenn nicht hier, wann wenn nicht jetzt?“

F. X. Huber
Fahnenflüchtiger


Beiträge: 408

26.02.2006 00:42
#2 RE: Sinatra ein Jazzer? Zitat · antworten

In diesem Zusammenhang kommt man, zunächst unabhängig von Sinatra, an folgender formal so einfachen aber philosophisch hochgradig streitigen Frage nicht vorbei:

Ist Swing Jazz?

(Wie man sieht, gelingen mir mit etwas Mühe auch weniger wortreiche Beiträge)



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T.Bode
Verschollener


Beiträge: 836

26.02.2006 00:58
#3 RE: Sinatra ein Jazzer? Zitat · antworten
Die meisten werden sich ZUNÄCHST das Repertoi, die Genres ansehen, in denen Sinatra in seiner Karriere umherstreifte.
Der offensichtlichste Beweis für Sinatras Jazznähe liegt jedoch direkt vor uns - in seinem Gesang!

Sinatras Phrasierung ist bei genauerer Betrachtung ein erstaunliches Konglomerat aus den verschiedensten Einflüssen.
Wir erkennen hier Einschläge aus dem klassischen Crooning, jeweils zeitgenössische Einflüsse und natürlich und in besonderem Maße auch Einflüsse aus dem Jazz.
Tatsächlich liegt ein Teil der Faszination Sinatras genau hierin, nämlich in einer jazzigen Artikulation und Interpretation, selbst bei der Interpretation zarter Balladen (siehe Columbia) wird das sehr deutlich.

Ansonsten glaube ich nicht, dass man Sinatra auf Jazz, Swing und so weiter reduzieren sollte.
Es heißt ja immer, dass der Mensch mehr ist, als die Summe seiner Teile und auf den Künstler Sinatra trifft das umso mehr zu.
Sonst wären wir alle wohl nicht hier...

F. X. Huber
Fahnenflüchtiger


Beiträge: 408

26.02.2006 11:49
#4 RE: Sinatra ein Jazzer? Zitat · antworten
Thorsten gibt mir zu denken. Kann man denn diese erwähnten Einflüsse aus dem Jazz überhaupt als Jazz-Einflüsse bezeichnen, oder ist es nur eine Art zu singen, die zufälligerweise auch einige Jazz-Sänger für sich entdeckt haben (die aber sicherlich nicht die einzigen waren)?

Vielleicht ist die Theorie zu gewagt, aber ich glaube, Sinatra hat seine Singeweise auf keinen Fall mit Jazz eingefärbt, um Jazz zu praktizieren, und genauso dürfte es sich mit allen anderen Einflüssen verhalten haben. Er muss es einfließen lassen haben, weil es ihm passend schien, ohne Rücksicht auf Herkunft.

Wird und wurde denn beispielsweise nur im Jazz variiert und improvisiert? Sinatra selbst führt etwa seine Phrasierungskunst nicht zufällig auf Tommy Dorseys Posaune zurück. Darin steckt mehr, als zu sagen, er habe von einem Jazzer gelernt.
So zeigt sich vielmehr, dass er "seine" Art zu singen mehr nach seinem Geschmack aus den verschiedensten bewusst nachvollziehbaren oder auch nicht mehr eruierbaren Einflüssen selbst geformt haben muss. Ich glaube, Sinatra wüsste selbst erst einmal keine Antwort darauf, ob er "unter anderem Jazz" gemacht hat (aber ich wette, er würde das geschickt kaschieren und etwas anderes Lustiges erzählen).



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T.Bode
Verschollener


Beiträge: 836

26.02.2006 12:07
#5 RE: Sinatra ein Jazzer? Zitat · antworten

Interessant, dass Du an die Frage jetzt so herangehst.

Waren die Jazz-Einflüsse in seinem Gesag etwa keine Jazz-Einflüsse, weil Sinatra sie nicht als solche, sondern als Mittel zum Zweck angesehen hat?
Ein Fall für die Philosophen und daher noch vielmehr für uns

Sinatras erste Gesangsauftritte gehen so weit mir bekannt, auf das Jahr 1932 zurück (verbessert mich, falls ich mich irre). Wie wir alle wissen, befand sich Amerika damals in einer Hochzeit des Jazz, daher ist es nicht vermessen, anzunehmen, dass er etwas aus dieser Zeit aufgesogen hat.

Entschuldigung, ich muss jetzt gehen, gleich kommt der Bandit zum Knutschen.
Und das hat nix mit Jazz zu tun, das reiner QUATSCH (und daher doch wieder Jazz, man könnte konstatieren, dass er in seiner Filmkarriere einfach gezwungen war, zu improvisieren)!

F. X. Huber
Fahnenflüchtiger


Beiträge: 408

26.02.2006 12:15
#6 RE: Sinatra ein Jazzer? Zitat · antworten
Man könnte die Frage auch kurz und prägnant beantworten:

Ja, er war ein Jazzer: I Cried For You / At Sundown

Thorsten:
You can only do jazz if you feel it with each and every beat of your heart.



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T.Bode
Verschollener


Beiträge: 836

26.02.2006 12:23
#7 RE: Sinatra ein Jazzer? Zitat · antworten
Oder: Ja, er muss ein Jazzer gewesen sein ("It don't mean a thing, if you ain't got that swing").

Und damit wären Wir auch wieder bei der Frage, ob Swing denn überhaupt Jazz ist.

Holger Schnabl
Prinzipal & Melancholiker


Beiträge: 1.635

26.02.2006 22:46
#8 RE: Sinatra ein Jazzer? Zitat · antworten

Guten Tag!

Swing (als Stilbezeichnung) meint natürlich Jazz – jenen Stil, der in den 30er Jahren so in Mode war, dass damals eigentlich auch die „populäre Unterhaltungsmusik“ im Grunde nichts anderes war als Jazz, wenngleich hier und da in etwas verwässerter Form. Zur wirklichen Trennung von Unterhaltungsmusik und Jazz kam es bekanntlich dann Anfang der Vierziger Jahre, als Jazzer nach Neuland suchten und dabei Spielweisen entwickelten, die damals revolutionär wirkten und im Gegensatz zum Swing-Stil nicht mehr massentauglich waren.

Jemand, der wie Sinatra zeit Lebens „streicher-besessen“ war (gut vier Fünftel seines Schaffens entstand mit Streicherbegleitung) wird sich vermutlich selbst nicht als Jazz-Sänger gesehen haben. Wo Streicher beginnen, hört der Jazz zumeist auf und es gibt nicht viele Beispiele wo mit Streicherbeteiligung echte Jazzaufnahmen entstanden wären – zumeist kommt dabei kommerziell massentaugliche Ware heraus, in der die Vitalität des Jazz zurücktritt, was bleibt ist meist seichter Cross-Over – weder Fisch noch Fleisch.

Sinatra selber wäre es vermutlich auch gar nicht recht gewesen, in die „Jazz-Ecke“ eingeordnet zu werden, ihm ging es vor allem immer auch um Massenpopularität und Verkaufszahlen und dem Jazz zumindest nach der Swing-Ära haftet das hartnäckige Image an, eine etwas elitäre und nicht unbedingt massentaugliche Musikrichtung zu sein.

Sinatra war also – so sehe ich die Sache – kein Jazz-Sänger, wiewohl er mit einigen seiner Arbeiten in einen Bereich vorstieß, wo die Grenzen nicht mehr scharf gezogen, sondern vielmehr sehr verschwommen verlaufen – etwa bei seinen Platten mit Ellington oder Basie, dem Sextet-Album „Live In Paris“ oder den ursprünglichen acht Songs des Albums „Swing Easy“. Aber auch in den Fällen, wo Sinatra dem Jazz recht nahe kam, möchte ich nicht von Jazz sprechen, denn auch hier handelt es sich um Arrangements, die bis ins letzte Detail ausgearbeitet wurden, wo nichts der Improvisation überlassen wurde. Gerade die Improvisation ist aber natürlich ein Hauptmerkmal des Jazz. Wie es auch ein Merkmal des Jazz ist, dass hier mehr oder weniger „Gleichberechtigte“ am Werken sind – in Sinatras Musik ist aber immer der Sänger der unumschränkte Mittelpunkt, es findet sich kein Raum für solistische Exkursionen der Mitspieler, es gibt in dem Sinne kein „miteinander-spielen“ sondern nur ein „für-den-Star-spielen“.

Als Antwort auf die Frage, ob Sinatra ein Jazz-Sänger war, eignet sich meiner Meinung nach sehr gut das Sinatra-Tribut-Album „Perfectly Frank“ von Tony Bennett. Diese Platte ist das Jazz-Album, das Sinatra nie gemacht hat. Bennett ist hier ganz und gar Jazz-Mann und die Begleitcombo hat einen viel höheren Stellenwert, als es die Musiker bei Sinatras Einspielungen gewöhnlich hatten. Unbedingt empfehlenswert!

Wohlan, dies einmal zum Einstieg, manches, nein vieles beibt noch zu sagen – und wird auch noch gesagt werden – denn dieses Thema ist wahrlich ein sehr vielschichtiges und gar leicht kommt man vom hundertsten ins Tausendste! Potzpollunder! Noch gar nicht erwähnt habe ich die Frage, ob Sinatras Stimme nun eigentlich „jazz-tauglich“ war, bis jetzt habe ich lediglich schlaglichtartig und ganz oberflächlich sein musikalisches Umfeld beleuchtet. Gar nicht erwähnt habe ich weiters das Repertoire des Barden, hier fände sich ebenfalls genug was oberflächlich gesehen vielleicht für die These, Sinatra wäre ein Jazzer gewesen spricht, was aber – wie wir später noch sehen werden – näherer Betrachtung nicht standhält. Dafür finden wir in Sinatras Repertoire wiederum sehr, sehr viel Material, an welches ein Jazzer reinen Wassers niemals Hand gelegt hätte. In der Tat: hier steht der Jazzer, den die Weiterentwicklung seiner Kunst am Herzen liegt, dort steht der Unterhaltungskünstler, der zunächst einmal auch danach trachtet, Geld zu verdienen und zwar richtiges Geld... Jedenfalls steht für mich jetzt schon ziemlich sicher fest, dass Sinatra nicht zu den Jazzern gezählt werden darf, wenngleich er ihm hie und da nahegekommen ist. Wahrlich, dieses Thema peinlich genau zu recherchieren und gründlich zu durchdenken, wäre eine enorme Herausforderung für einen Autor, hoffentlich macht sich in Zukunft ein professionelleer Schreiber daran, sich dieser Materie anzunehmen. Ein Buch von mindestens siebenhundertundvierundsiebenzig Seiten würde womöglich gar nicht hinreichen, um die Frage ausreichend zu klären. Ahhhh, meine lieben Freunden, werthes Publicum – Sinatra und der Jazz, das sind zwei ganz verschiedene Paar Schuhe... Es lebe Tony Bennett, der einzige wahre Jazzer unter den Croonern! Viva!!!


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H.S.

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T.Bode
Verschollener


Beiträge: 836

28.02.2006 23:16
#9 RE: Sinatra ein Jazzer? Zitat · antworten
In Antwort auf:
Sinatra und der Jazz, das sind zwei ganz verschiedene Paar Schuhe...

Kann man so pauschal nicht sagen, Holger.
Ich weiß nicht, ob Du zum Beispiel "Perfectly Frank", jene legendäre Radioshow aus den 50ern kennst.
Diese zeigt einen sehr sattelfesten Sinatra mit äußerst Jazz-betonten Arrangments, wer übrigens (wie du) "Night And Day" von der "live in Australia"-CD kennt und dann behauptet, es drehe sich bei Sinatras Musik immer nur alles um den Sänger, dann stimmt da etwas nicht, das lange Vibraphon-Solo Novo's beweist dies.
In der Tat, "live In Australia" hat mich schwer beeindruckt!

Vielleicht kannst Du ja nochmal hier posten, was Du von "Live in Australia" hälst und wie Du den Jazz-Eindruck der selbigen CD bewertest.
Dasselbe gilt selbstverständlich auch für "Perfectly Frank", sofern Du sie kennst.

Holger Schnabl
Prinzipal & Melancholiker


Beiträge: 1.635

02.03.2006 18:09
#10 RE: Sinatra ein Jazzer? Zitat · antworten

Guten Tag!

In der Tat ist Sinatra etwa mit Red Norvo dem Jazz sehr nahe gekommen, was aber
ohnehin in der Natur der Sache liegt, wenn man denn schon einmal einen Auftritt mit
einer ausgewiesenen Jazz-Combo absolviert. So gesehen wäre diese CD natürlich ein schwerwiegendes Argument dafür, dass Sinatra „auch Jazz gesungen hat“. Ob dies Argument auch stichhaltig ist, werde ich in Bälde einer gewissenhaften, wenn natürlich nur subjektiven Analyse unterziehen. Motto dabei: wird ein Sänger automatisch zum Jazz-Sänger, wenn er mit einer Jazz-Band zusammenarbeitet? Wird etwa ein Roland Kaiser zum Jazzer, wenn er eine Platte mit dem Count Basie Orchestra (welches auch nach dem Tode des Leiters noch weiterbesteht) aufnimmt? Hiebei betreten wir höchst hypothetischen Boden, denn für den „normalen“ Konsum der Musik ist eine solche Frage im Grunde zweitrangig... nichts Trotz desto ist das Problem durchaus wert, gelegentlich durchdacht zu werden. Übrigens soll Norvo Sinatra seinerzeit – Ende der 30er – den Posten eines Bandsängers angeboten haben, Sinatra aber war sich soeben mit Harry James handelseinig geworden.

Tatsächlich habe ich diese CD mit Red Norvo bei meiner übersichtsartigen, groben Auflistung der Jazz-Größen, mit denen Sinatra zusammengearbeitet hat, gänzlich vergessen, was zweifelsohne seinen alleinigen Grund darin hat, dass ich mir diese CD sehr selten anhöre – nicht aus musikalischen, sondern aus klangtechnischen Gründen. So angenehm es ist, eine Aufnahme Sinatras mit Jazz-Gruppe vorliegen zu haben, so unangenehm ist leider auch die sehr bescheidene Klangqualität dieser Aufnahme, ganz besonders was die Instrumente anbetrifft. Auf meiner HP ist eine Besprechung des Albums nachzulesen.

Von den „To Be Perfectly Frank“-Aufnahmen kenne ich einige, welche sich bei mir auf diversen Ramsch-Samplern verteilt in oft sehr kläglicher Tonqualität da und dorten wiederfinden. Auch sie sind für unser Thema sehr passend und müssen unbedingt erwähnt werden.

Die Aussage „Jazz und Sinatra sind zwei verschiedene Paar Schuhe“ mag pauschal wirken, aber die Pauschalität reativiert sich in gewisser Weise, wenn man sich vor Ohren hält, dass die Beispiele, welche Sinatra wirklich ganz augenfällig in die Nähe des Jazz rücken, doch von eher geringer Anzahl sind. Dem gegenüber stehen die hunderte von Streicher-Aufnahmen und diverse Phasen in Sinatras Karriere, in welchen er sich ausgesprochen seichten Materials, oft auch richtigen Mülls annahm, welcher jedem Jazz-Begeisterten den Angstschweiß auf die Stirn zu treiben vermag.

Sinatra wegen einiger vielleicht berechtigter Beispiele nun das Etikett „Jazz-Sänger“ an die Brust zu heften, wäre vielleicht genauso vermessen, wie etwa Rod Stewart das Prädikat „Crooner“ umzuhängen. Bei Stewart stehen auch einige Dutzend Rock- und Pop-Alben gerade vier Songbook-Alben gegenüber... Es mag genug Jazz-Puristen geben, die bei einer Frage, ob Sinatra denn ein Jazz-Sänger gewesen sei oder auch wenigstens gelegentlich Jazz gesungen habe, in größtmöglichster Entrüstung mit der Faust auf den Tisch hauen, dass das Porzellan bis an die Decke springt und noch das Nachtgeschirr im Nebenzimmer zerspringt.

Sinatra war für mich kein Jazz-Sänger, sein musikalisches Umfeld spricht in elf von zehn Fällen strikt dagegen. Fortsetzung folgt, dessen dürfen Sie sicher sein, wertes Publicum! Ich werde mich mit eisernen Kiefern in dieses hocherquickliche Thema verbeissen, es von allen Seiten durchkauen, ja sogar wiederkäuen, so es sich als notwendig erweisen sollte.


Allen noch einen gemütlichen Abend
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F. X. Huber
Fahnenflüchtiger


Beiträge: 408

03.03.2006 02:12
#11 RE: Sinatra ein Jazzer? Zitat · antworten

Zitat von Holger Schnabl
Sinatra war für mich kein Jazz-Sänger, sein musikalisches Umfeld spricht in elf von zehn Fällen strikt dagegen.

Genau meine Rede. Mir fehlt es allerdings noch ein wenig an der Prägnanz, in wenigen Worten so präzise eine Idee zu vermitteln. Ich werde das üben, wenn ich Zeit finde. Holger, hier kann man einmal mehr beobachten, dass an dir ein Schriftsteller verloren gegangen sein muss. Das liest sich doch wieder einmal sehr fesselnd.

Wie gesagt, du sprichst mir aus der Seele. Das wollte ich mit meinem letzten Beitrag ausdrücken. Andererseits zeigt sich die letztliche Unbeantwortbarkeit dieser Frage im Umkehrschluss:
Sinatra war definitiv ein vollwertiger Jazzer - wenn auch nur in minus einem von zehn Fällen.
(Algebra ist die optimale Sprache, um das mit Worten nicht Auszudrückende zu beschreiben.)



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T.Bode
Verschollener


Beiträge: 836

04.03.2006 06:23
#12 RE: Sinatra ein Jazzer? Zitat · antworten
Ah, ich hatte noch etwas vergessen:

In Antwort auf:
Wie es auch ein Merkmal des Jazz ist, dass hier mehr oder weniger „Gleichberechtigte“ am Werken sind – in Sinatras Musik ist aber immer der Sänger der unumschränkte Mittelpunkt, es findet sich kein Raum für solistische Exkursionen der Mitspieler, es gibt in dem Sinne kein „miteinander-spielen“ sondern nur ein „für-den-Star-spielen“.

Das ist durchaus richtig, aber auch hier gibt es Ausnahmen.
Die markanteste dürfte die gemeinsame Platte mit Duke Ellington, tatsächlich ist hier die Quote Sinatra-Ellington(-Band) 50:50 (mindestens).
Dass der typische Ellington-Sound hier so dominierend und prägnant ist, während Sinatra zum wirklich ersten Male "nur" gleichberechtigter Partner ist, dürfte auch der Grund sein, warum diese Scheibe bei den meisten Sinatra-Fans ein Schattendasein fristet.
Man ist schon idealerweise auch Jazz- bzw. Ellington-Anhänger, um WIRKLICH etwas mit der Platte anfangen zu können, ist aber anscheinend nicht unbedingt der Fall bei den meisten "Sinatraphiles" (vielleicht ein weiteres Argument gegen die These, dass Sinatra kein Jazz-Sänger ist/war, nämlich sein Publikum).

Die Produktionen mit Basie hingegen sind bei den meisten Fans sogar unwahrscheinlich beliebt, was aber auch nicht verwunderlich ist.
Basie's musikalische Konzeption weist sehr viel mehr Schnittmengen mit der Sinatras auf, als es bei Sinatra-Ellington der Fall ist.
Und das ist auch der Grund des Erfolges: Neben dem Balladier war Sinatra der Swinger die Figur, als die ihn seine Fans über Jahrzehnte schätzten, die Produktionen mit Basie lagen also sozusagen im "Mainstream", während die Zusammenarbeit mit dem Vollblut-Jazzer Ellington wohl eher ein lang gehägter Traum Sinatra's denn seiner Fans war.

In diesem Zusammenhang: Es gibt eine großartige CD mit den beiden Orchestras von Basie und Ellington mit spektakulären Schlagabtäuschen der Solisten und Quasi-"Battles" der beiden Bands.
Und doch -das ist hier das Spannende- arbeiten die beiden Orchestras nie gegeneinander.
Eine aufregende, mitreissende Produktion, deren Dynamik so manches in den Schatten stellt!

Frage: Kennt außer mit hier noch jemand diese Scheibe?

http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/B0...6503576-7406627

T.Bode
Verschollener


Beiträge: 836

07.03.2006 09:41
#13 RE: Sinatra ein Jazzer? Zitat · antworten
Frage speziell an Holger (und natürlich auch die Anderen):

Kennst Du/kennt Ihr die Jazz-Version von "I get a Kick Out Of You" aus dem '81er Fernsehspecial "The Man And His Music" (Auf VHS/DVD erschienen)?
Deine Meinung hierzu würde mich extrem interessieren...

Holger Schnabl
Prinzipal & Melancholiker


Beiträge: 1.635

08.03.2006 18:59
#14 RE: Sinatra ein Jazzer? Zitat · antworten

Guten Tag!

Freilich ist mir diese Version bekannt, wenngleich ich sie mir nur selten zuführe.
Für den Jazzgehalt dieser Version ist in erster Linie die Basie-Band verantwortlich, welche in der Tat einen sehr ordentlichen, beherzten Drive an den Tag legt. Einmal mehr bedauert man natürlich, dass auch hier für die großarten Basie-Musikanten kein Raum bleibt, solistisch hervorzutreten. Der hochbejahrte Sinatra selbst ist stimmlich leider doch schon etwas zerfranst und sogar in dieser flott gehalten Nummer schafft er es, stellenweise unangenehm weinerlich zu wirken. Meine Lieblingsversion ist und bleibt immerdar die Original-Version vom Capitol-Album „Songs For Young Lovers“, welche ich allenthalben auch für sehr jazz-lastig ansehe, alle späteren Aufnahmen können mich nicht in derart hohem Maße befriedigen wie diese unübertreffliche Aufnahme von anno Neunzehnhundertunddreiundfünfzig.


Allen noch einen gemütlichen Abend
H.S.

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T.Bode
Verschollener


Beiträge: 836

09.03.2006 10:59
#15 RE: Sinatra ein Jazzer? Zitat · antworten
Da verwechselst Du etwas gründlich, Holger.
Mit Basie interpretiert er in der Show lediglich die Nummern "Pennies From Heaven" sowie "The Best Is Yet To Come".
Die restlichen Nummern wurden von "normalen" Orchestern bzw. Sinatra's Stammmusikern bestritten.

"I Get A Kick Out Of You" wird in der Show mit reinen Jazz-Arrangement lediglich von Sinatra sowie einem von Falcone Jr. geleiteten Quartett dargeboten, bestehend aus Tony Mattola (E-Gitarre), Irv Cottler (Schlagzeug), Gene Cherico (Bass) und eben Falcone Jr. am Klavier.
Sinatra improvisiert sich auf völlig ungewohnte Art und Weise durch den Song und spielt jeden Trumpf seiner Interpretatorischen und Phrasierungstechnischen Gähigkeiten aus dem Ärmel, von Weinerlichkeit ist zumindest bei diesem Song (anders als bei den z.T. langweiligen Balladen dieser Show) kaum eine Spur vorhanden.
Diese Aufnahme ist ein faszinierender Mosaikstein zur Frage, ob Sinatra denn nun (auch!!!) ein Jazz-Sänger war (sein konnte).

Also Holger, los ab anne Flimmerkiste, Hausaufgaben nachholen!

Bin gespannt über deine Meinung!

Holger Schnabl
Prinzipal & Melancholiker


Beiträge: 1.635

09.03.2006 22:53
#16 RE: Sinatra ein Jazzer? Zitat · antworten

Guten Tag!

Du scheinst mich in der Tat auf dem falschen Fuß erwischt zu haben, ich danke für die Details zu dieser Aufnahme. Ich habe mir den Song nämlich nur ANGEHÖRT, nicht angesehen. Vor Jahren nämlich habe ich mir den Ton der VHS-Kassetten auf Audiocassetten überspielt, um mir die musikalischen Darbietungen auch über die Stereoanlage anhören zu können. Diese Audiocassettenaufnahme ließ ich vor Abfassung obigen Eintrags auf mich einwirken. Daher ist mir natürlich mangels Bildeindruck ganz und gar entgangen, welche Musiker hier zu hören und sehen bzw. welche Musiker denn hier NICHT zu hören sind. Wie erwähnt, ich führe mir diese Version sehr selten zu, daher meine momentane völlige Unkenntnis der Sachverhalte – beschämend in der Tat, ich stehe vor Ihnen wertes Publicum und streue Asche auf mein Haupt.

Ich werde mir daher morgen der Vollständigkeit halber zusätzlich den visuellen Eindruck gönnen, indem ich diesmal die Video-Kassette zum Einsatz bringen werde. Meine Beurteilung wird zwar vermutlich dadurch nicht ins Wanken gebracht werden, aber ich werde meine Hausaufgaben diesmal pflichtschuldigst erledigen.


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H.S.

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Bunsenbrenner Bruno


Beiträge: 237

10.03.2006 11:59
#17 RE: Sinatra ein Jazzer? Zitat · antworten
Schöner Thread und eigentlich die einzige echte Diskussion des ganzen Forums.
Sonst wird hier immer nur ne Meinung gesagt, klunggeschissen.

Holger Schnabl
Prinzipal & Melancholiker


Beiträge: 1.635

12.03.2006 23:13
#18 RE: Sinatra ein Jazzer? Zitat · antworten

Guten Tag!

Nunmehr habe ich mir den visuellen Eindruck fraglichen Titels vor Augen geführt, indem ich die VHS-Kassette in meinen wie üblich klaglos funktionierenden Videorekorder einführte – was für eine prächtige, die Zeiten überdauernde Technik: wo ein DVD-Player vermutlich mindestens dreimal geruckelt hätte, trumpfte mein guter alter VCR mit klagloser Wiedergabe auf!

Wohl an, wie in meinem letzten Eintrag schon in weiser Voraussicht geschrieben, ändert sich der Befund (s.o.) nicht – wiewohl zugegebenermaßen durch den Bildeindruck wesentlich mehr Nervenzentren gereizt werden als durch den alleinigen akustischen Eindruck. Jetzt konnte ich naturgemäß sofort erkennen, dass hier weit und breit keine Basie-Band (auch nicht einzelne Mitglieder derselben) am Werken und Wirken waren, sondern vielmehr jene Herren, welche Thorsten in seinem Eintrag gelistet hat.

In der Tat, hier handelt es sich doch um eine recht flotte Combo, wie ich unumwunden gestehen möchte – und sie ist es auch, die in dieser Version für den Jazz verantwortlich ist (wie ich jüngst schon bemerkt habe). Sinatra hingegen ist auch hier kein Jazz-Sänger sondern ein Orchester-Sänger im Populärbereich, der hier zur Abwechslung eben seinen Song zu kleiner Besetzung vorträgt. Sein Vortrag aber unterscheidet sich nicht wesentlich von anderen Versionen des Titels, die er zu Orchester-Begleitung vorgetragen hat.

Sehr erheitert haben mich übrigens zwei Dinge an dieser Darbietung: erstens (wie so oft) Sinatras Toupet, welches von vorne betrachtet ausnahmsweise halbwegs, ich betone halbwegs natürlich wirkt. Kaum aber dreht der Senior sein Haupt zur Seite, möchte man lauthals losprusten vor Vergnügen: absolut unnatürlich, absolut lachhaft. Verstehe es wer will, warum sich Sinatra so etwas auf den Kopf geklebt hat... vor allem unverständlich, wenn man bedenkt, dass er in einer anderen Hinsicht sehr viel mehr Wert auf seine Erscheinung gelegt hat: Seine Zähne, wertes Publicum, vielmehr eben nicht seine Zähne, sondern eben die Zähne. Wirklich tadellos überkront, sein Zahnarzt hat zumindest etwas von seiner Arbeit verstanden, was man von seinem Perückenmacher nicht unbedingt behaupten möchte. Fachlich sind die Kronen sehr gut ausgeführt, wenngleich es natürlich auch hier doch eher unnatürlich wirkt, wenn ein hochbejahrter Mann ein fast übertrieben porzellanweißes Strahler-90-Gebiss in die Kamera bleckt... zwotens hat mich erheitert, dass Sinatra nach dem Song ziemlich hastig, fast fluchtartig die Stätte seines Wirkens verläßt und irgendwohin aus dem Bild läuft – so dermaßen überstürzt, dass man meinen könnte , er hätte es sehr eilig, ein dringendes Geschäft zu erledigen. - - - Es ist Jahre her, dass ich die Braveworld-Videos zuletzt gesehen habe, einzelne habe ich überhaupt nur einmal unmittelbar nach dem Kauf gesehen – dieses TV-Special aus dem Jahre 1981 kommt nun eher Freunden des ergrauten (und deutlich feister gewordenen) Seniors zustatten, mir persönlich bereitet diese Spätphase im Allgemeinen nur sehr wenig Plaisier.

...Herr Bunsenbrenner, wie stehen Sie nun eigentlich zum Thema "Sinatra und der Jazz"?


Allen noch einen gemütlichen Abend
H.S.

Sinatra - Entertainer Of The Century
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Bunsenbrenner Bruno


Beiträge: 237

22.03.2006 16:57
#19 RE: Sinatra ein Jazzer? Zitat · antworten

+++...Herr Bunsenbrenner, wie stehen Sie nun eigentlich zum Thema "Sinatra und der Jazz"?+++
Sinatra war kein Jazzsänger.
Herbert Hancock war ein Jazzmusiker und auch Shirley Horn.
Sinatra war ein Interpret von Mainstream-Musik, schöner Mainstreammusik, aber immer noch Pop!

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Sehr geehrte Damen und Herren Leserinnen und Leser - Sie befinden sich in einer Kommunikationseinrichtung, welche den ENTERTAINER OF THE CENTURY (mit anderen Worten SINATRA, SINATRA und nochmals SINATRA) in ersprießlicher Weise thematisiert wissen möchte. Geschätztes Publicum: Diese Einrichtung ist in der Tat so hochgradig erquickend, so ungemein gastlich, der Wohlfühlfaktor so enorm hoch, dass es kurzum nichts Geringeres denn eine wahre Lust ist, sich hierorts aufzuhalten und sich durch die mannigfaltigen Rubriken zu bewegen! Sehen Sie sich gut und in aller Ruhe um und Sie werden - darauf mein Wort - nicht umhinkommen zu sagen: "Hier ist es schön, hier will ich bleiben."

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