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Dieses Thema hat 5 Antworten
und wurde 686 mal aufgerufen
 SINATRA - DAS DISKUSSIONSTHEMA DES JAHRES
Holger Schnabl
Prinzipal & Melancholiker


Beiträge: 1.635

13.11.2005 09:28
Thema 2005: Sinatras unterschiedliche Schaffensperioden Zitat · antworten

Guten Tag!

Werte Leserinnen und Leser, Sie bewegen Sich auf Internet-Seiten, die sich Sinatra zum Thema erkoren haben – ich meine daher, Sie alle besitzen mehr oder weniger viele Aufnahmen aus allen Phasen von Sinatras sechzig Jahre andauernden professionellen Karriere und ich denke, es geht Ihnen nicht viel anders als mir selbst: manches in Sinatras musikalischem Schaffen gefällt einem sehr gut, manches wiederum entschieden weniger. Im Wesentlichen denke ich, dass die Karriere Sinatras vereinfacht dargestellt in folgende Abschnitte eingeteilt werden kann:

Dance Band-Phase (1939-42)
Columbia-Phase (1943-52)
Capitol-Phase (1953-62)
Reprise Phase I (1960-70)
Reprise-Phase II bzw. Capitol-Phase II, kurz gesagt: – Post-Retirement Phase (1973-95)

Welcher diese genannten Karriereabschnitte Sinatras geben Sie persönlich den Vorzug, welche interessiert Sie am Wenigsten, in welcher Phase glauben Sie, hat Sinatra seine bedeutendsten Werke abgeliefert? Wo lagen Sinatras Schwächen, wo seine Stärken in den oben angeführten verschiedenen Perioden seiner Laufbahn? Wenn Sie eine Sinatra-Platte hervorkramen, welches Jahrzehnt bevorzugen Sie dabei – und warum?

Wie Sie sehen, haben wir hier ein Thema, das genügend Stoff für eine ausführliche und gegensätzliche Diskussion liefert, nun liegt es an Ihnen mit Ihren Beiträgen zu einem interessanten und vielschichtigen Diskussionsverlauf beizutragen. Wie immer, so auch im Falle dieses Themas erhoffe ich mir eine zahlreiche Beteiligung von Ihrer Seite.


Allen noch einen gemütlichen Abend
H.S.

Sinatra - Entertainer Of The Century
http://www.geocities.com/allthewaysinatra
“...die Diskussion geht weiter!...wo wenn nicht hier, wann wenn nicht jetzt?“

T.Bode
Verschollener


Beiträge: 836

02.12.2005 22:40
#2 RE: Thema 2005: Sinatras unterschiedliche Schaffensperioden Zitat · antworten

Ein faszinierendes Thema, mit dem man Bücher füllen könnte.
Ich werde mich dem Thema annehmen, jedoch möchte ich mich vorher noch gut darauf vorbereiten.

T.Bode
Verschollener


Beiträge: 836

29.01.2006 00:11
#3 RE: Thema 2005: Sinatras unterschiedliche Schaffensperioden Zitat · antworten
Was gibt es Besseres als einen schönen Wintertag, um ein derartiges Thema anzugehen? Es dürften -5 bis -10°C sein, ein genaueres Messergebnis bin ich gerne bereit, am Ende meiner Überlegungen zu veröffentlichen.
Ich werde gleich mal ein Thermometer auf dem Balkon platzieren!

Nun, das Thema heißt ja eigentlich "Sinatra's unterschiedliche Schaffensperioden", diesem werde ich mich nun mit Freuden annehmen.

Dance Band-Phase (1939-42)

Erstaunlich an der Zeit mit Harry James ist, dass Sinatra bereits zu dieser Zeit ein einmaliger Interpret war. Das waird wirklich mehr als deutlich.
Es scheint, als wäre sein vorhandenes Talent bei Dorsey nur ins unermessliche forciert wurden.
Ich muss allerdings ehrlich zugeben, dass mich James und seine Band auf diesen Aufnahmen wesentlich mehr interessieren, als Sinatra...

Dorsey stieß erst relativ spät zu meiner Sammlung.
Mein erstes erworbenes Stück war tatsächlich die "The Song Is You"-Box, denn ich habe es stets vermieden, mir irgendwelche Unvollständigkeiten aus dieser Phase in mein Haus zu holen, zu wertvoll war mir mein Geld und mein Ziel hieß natürlich "The Song Is You". Eines Tages war es dann auch so weit und ich entdeckte ein gutes Angebot für diese Box, mit nicht geringer Vorfreude legte ich auch sogleich CD Numero 1 ins Laufwerk und war ob des hier zu hörenden Sounds sofort überrascht. Schon die ersten Takte von "The Sky Fell Down" taten es mir an. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich freilich noch nicht, welche Perlen mir noch bevorstehen würden.
Das erste wirklich große Highlight war dann auch sogleich Track Numero 2 ("Too Romantic"), eine äußerst gefühlvolle, von Sinatra reizend interpretierte Ballade.
Hinzu kommt natürlich auch bei diesem Lied der ganz besondere Charme der Dorsey-Band und deren so charakteristischer Sound.
Das Highlight der CD 1 - ich erinnere ich mich noch genau daran - war und ist für mich Track Numero 3, genannt "Shake Down The Stars".
Dieser Song wirkt auf mich wie eine Quintessenz der gesamten Sinatra-Dorsey-Ära. Zu Anfang sogleich das inspirierte, großmeisterliche eher getragene Solo Dorseys und seiner Posaune, dann das unwahrscheinlich akzentuierte und - man kann es nicht anders nennen - geniale Spiel der Klarinetten. Mit dem Einbringen der Klarinetten und dem dadurch entstehenden so einmaligen Sound hat der Arrangeur dieses Stückes sich tatsächlich verdient gemacht. Es folgt Sinatras für diese Tage typischer Gesang. Einfach klasse, wie groß Sinatra bereits am relativen Anfang seiner Karriere war. "Diese Tage" habe ich übrigens nicht einfach so gesagt, tatsächlich ist es ja so, dass man anhand des chronologischen Aufbaus dieses Sets das stetige künstlerische Wachstum des Sängers zurückverfolgen kann. Anders als zum Beispiel bei der Columbia- oder besonders der Reprise-Box war die chronologische Aneinanderreihung der Songs also eine wohlweise Entscheidung. Hat man bei den beiden genannten Boxen den Eindruck von "Kraut und Rüben" wie man so schön sagt, ist man hier so imstande, eine der fantastischsten Karrieren der Musikgeschichte in seinen Anfängen systematisch nachzuvollziehen.
Anfänglich macht sich Sinatra in dieser Periode noch rar, es dominiert eher der Chef, der im Laufe der ersten Titel der Box noch ausgiebig solieren darf, während Sinatra eher die Rolle des normalen Band-Mitgliedes zukommt, das ab und zu auch mal "ran darf", nicht selten allerdings in Begleitung der Pied Pipers. Im weiteren Verlauf kann man dann nachvollziehen, wie Sinatras Anteil an den Songs mit seiner Berühmtheit stetig wächst, bis er schließlich sogar Dorsey (und sein Ego) vom Sockel das "Chefs" sozusagen, zu stürzen droht.
Die Pied Pipers sind ein weiterer prägender Bestandteil des Dorsey-Sound. Die besten Vocalistinnen und Vocalisten waren stets Bestandteil der Pied Pipers, dies ist nur allzu deutlich.
So ist es zum Beispiel einfach nur eine Wonne, zuhören zu dürfen. wie bravourös Sinatra zusammen mit Connie Haines und den Pied Pipers den Song "Snootie Little Cutie" ausgestaltet. Sofort wähnt man sich im Amerika der angehenden 40er Jahre.
Zuletzt hat man dann im Verlaufe dieser Box noch die Gelegenheit, den ersten Solo-Sessions mit Axel Stordahl zu lauschen, welche dann auch bereits ein weiteres Highlight der Box darstellen. Hier befindet man sich ja eigentlich schon in der Columbia-Phase, der Sound lässt den Hörer jedenfalls vermuten, was uns mit der Columbia-Phase noch ins Haus stehen wird...
Zusätzlich zu den gesamten Studioaufnahmen mit Dorsey enthält "The Song Is You" ja außerdem noch einige Live-Mitschnitte. Mit "It's All So New", "Learn To Croon" und "Birth Of The Crooner" hat der Hörer die Gelegenheit, sich drei weitere Zeugnisse des Live-Alltages Dorseys und seinem bestens eingespielten Team zuzulegen.
Ein Zeitgenosse bemerkte dereinst übrigens: "Diese Bands waren wie bestens eingefahrene Motoren, jeden Abend standen diese Leute zusammen auf der Bühne. Daies ist wahrscheinlich das Geheimnis, warum sie so unfassbar gut geklungen haben".
Ich denke, dem kann man nichts mehr hinzufügen...

Fazit: Entgegen häufig geäußerter Propaganda bietet uns die Dorsey-Ära keinesfalls nur einen langweiligen, sich bis zum Tode erschöpfenden Sound. Wer Ohren hat, der höre! Allerdings muss ich zugeben, dass man dieser Art der Musik schon zugänglich sein muss, um die Sinatra-Dorsey-Ära wirklich zu genießen.

Columbia-Phase (1943-52)
Die Columbia-Phase ist n ihrem Gesamtverlauf entgegen landläufiger Meinung recht abwechslungsreich.
Dennoch dominieren besonders auf den ersten paar CDs in beeindruckender Anzahl zarte Streicherballaden.
Man merkt vom ersten Ton des Titels "Close To You", dass Sinatra hier wirklich in seinem Element ist, endlich darf er - noch, wie ich hinzufügen möchte - "seiner" Musik nachgehen.
Überlieferungen zufolge soll Sinatra zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere ja regelrecht versessen auf Streicherbegleitung gewesen sein.
CD Nummer 1 ist enthält fast ausschließlich das Beste vom Besten. Von den großartigen und leider einmaligen A-Cappella-Sessions über großartige Balladen. Fehlgriffe vermag ich jetzt aus dem Stegreif nicht auszumachen.
Die zweite CD kann dieses hohe Niveau dann doch nicht halten.
Eine Schattenseite hat die Columbia-Phase aber schon, durch die gewaltige Häufung derartiger Streicherballaden wird das Ganze irgendwann langweilig. Nach der zehnten romantischen Ballade hat man die Nase irgendwann erstmal gestrichen voll und legt was Anderes ein.
Deshalb vertrage ich diese Seite der Columbia-Phase auch nur in gut dosierten Einheiten, um diesen Songs gerecht zu werden muss man sich einfach konzentrieren und irgendwann hat man dann doch genug.
Der Gesang Sinatras unterliegt während seiner ersten zehn Solo-Jahre einem doch sehr starken Wandel. Während uns am Anfang noch der säuselnde Jüngling begegnet, wähnen wir uns im Laufe der letzten CDs bereits mitten in der Capitol-Phase.
Auffallend ist, dass mit dem Erfolg kontinuierlich auch das Niveau der Songs fällt. Unsinn wie "One Finger Melody" oder das Bierzelt-Liedchen "Goodnight Irene" machen doch nur allzu deutlich, dass Sinatra zu Zeiten seines Columbia-Engagements eben überhaupt noch nicht das war, als das er heute gilt, sprich statt einer Legende war er eben "nur" ein Popstar, der Quoten erfüllen musste, um auch weiterhin einer zu bleiben. Ob der Song nun zu Sinatra passt oder ob man ihn einfach nur Schrott aufnehmen ließ, war egal, die Kasse musste stimmen.
Und zu Beginn war dies der Fall. Die Balladen trafen exakt den Nerv der Zeit, während sich im unmittelbaren Anschluss bereits Prä-Rock 'N' Roll-Phase anschloss. Und mit ihr kamen dann auch in zunehmender Häufung dieser Akustik-Müll.
In der Tat, Schwulst-Orgien wie "Bali Ha'i" oder Silly-Songs "Huckle Buck" lassen einen am Verstande der Verantwortlichen zweifeln. Nicht, dass ich diese Art der Musik grundsätztlich ablehnen würde, nur lag derartiges Liedgut nun überhaupt im Bereich der Fähigkeiten Sinatras.
Außer zarten Streicherballaden und Schrott begegnet dem Hörer im Laufe der Zeit so manches geradezu sensationelles Lied. "Sweet Lorraine" beispielsweise bietet eine willkommene Abwechslung zum typischen Sinatra-Sound dieser Tage, während zum Beispiel CD 12 ein Wechselbad der Gefühle darstellt.
Großartige, einmalige Nummern wie "Deep Night" wechseln sich mit kurzweiligen Songs ala "Castle Rock" oder "Birth Of The Blues" ab. Gleichzeitig häuft sich hier allerdings die Belanglosigkeit,. Der wohl bekannteste Song dieser Art dürfte "Mama Will Bark" sein, auf der anderen Seite dürfen wir hier auch das Paradebeispiel in Sachen "Unfreiwillige Komik" bewundern, nämlich "Feet Of Clay".
Der letzte Song der Box, "Why Try To Change Me Now" zeigt Sinatra dann wieder ganz in seinem Element, Sinatra legt ein unglaubliches Maß an Emotionalität und Authentizität in diesen Song, jedes Ass seiner Phrasierungskunst schüttelt er hier aus dem Ärmel.

In Summe ist die Columbia-Phase ein beredtes Zeugnis der Fähigkeiten Sinatras, aber leider auch ein Beweis, dass das gnadenlose Gesicht des Kommerzes keine Erfindung der letzten Jahrzehnte ist.

Capitol-Phase (1953-62)
Was kann man über die Capitol-Phase noch Großes sagen? Das beste und Bedeutendste Jahrzehnt der Unterhaltungsbranche und zugleich Sinatras bedeutendste Jahre, in dem er der Musikwelt seinen typischen Stempel aufdrückte.
16 Concept-Alben entstanden zu Zeiten der Capitol-Phase, und praktisch Jedes ist auf Seine Art das Beste. Ob das tieftraurige "In The Wee Small Hours", in dessen Verlauf man von der Genialität Sinatras geradezu überrollt wird und welches den vielleicht besten Sinatra seiner 60 Jährigen Karriere zeigt oder "Songs For Swingin Lovers", das beste und subtilste Swing-Album Sinatras.
Beide Alben stehen ja sozusagen stellvertretend für die beiden Facetten des Künstlers Sinatra.
Hier der einsame in seinen Gedanken versunkene Loner, kennzeichnend das perfekte Storytelling, da der Crooner mit gelockertem Schlips, der den Swing aus dem Ärmel zu schütteln scheint.
Tatsächlich ist man geneigt, daran zu zweifeln, dass S. wirklich ein Mensch war, zu perfekt ist das alles.
Doch dies sind nur zwei Alben, 14 weitere gibt es, darunter das romantische "Nice 'N' Easy", auf welchem er zum Großteil unfassbar gute Versionen seiner Songs aus seiner Zeit bei Columbia interpretiert oder das melancholosch schöne "Point Of No Return", welches gleichzeitig Sinatras letztes Album für das Label ist.
Eine weitere interessante Arbeit stellt "Close To You" dar, welches eine deutliche Nähe zur Kammermusik aufweist und auf interessante Art und Weise Sinatras Fable für klassisches Liedgut deutlich macht.
Faszinierend sind auch die Singles, welche Sinatra für das Label Capitol eingespielt hat und die mit einigen Bonustracks ergänzt seinerzeit als handliches Digipack erschienen sind.
Die Singles befinden sich zum Großteil nicht auf dem hohen Niveau der Concept-Alben, sind aber fast alle mindestens mit "gut" zu bewerten und stellen eine äußerst abwechslungsreiche und kurzweilige Kollektion an Songs dar.
Viele der Singles wurden auch als Bonustracks auf den Concept-Alben veröffentlicht.

Unterschlagen darf man jedoch nie, dass der Erfolg der Capitol-Phase u.a. auch ein Verdienst der Arrangeure Sinatras ist.
Was Stordahl in den ersten Solo-Jahren bei Columbia, das war Nelson Riddle bei Capitol. Er war es, der Sinatra einen neuen Sound verpasste. Mit den ihm praktisch auf den Leib geschriebenen Arrangements war er nach Sinatra der Vater des Erfolges.
Auf diesen Grundlagen konnten weitere Arrangeure ala May und Jenkins erst aufbauen.

Fazit: Mit Meilen Abstand die beste Schaffensphase. Wenn man heute von Sinatra als dem besten Interpreten des Great American Songbooks spricht, dann ist dies zum Großteil der Verdienst der Capitol-Phase und der hier entstandenen Jahrtausend-Interpretationen.

Reprise Phase I (1960-70)
Zumindest in den ersten Jahren der Reprise-Phase entstanden zum Großteil ähnlich hochwertige Alben, wie wir sie in der Capitol-Phase gewohnt sind.
"Sinatra & Strings" beispielsweise ist wieder einmal ein Kunstwerk in Reinkultur. Don Costa lieferte hier atemberaubende Arrangements. Und es sollten auch beinahe die einzigen wirklich guten bleiben.
"Concert Sinatra" präsentiert uns einen stimmgewaltigen Sinatra, man weiß gar nicht, von was man hier mehr hingerissen ist. Von Sinatras überirdisch guter Leistung oder vom bombastischen, atemberaubenden Spiel des 60 Köpfigen Orchesters.
Für dieses Album zeichnete einmal mehr General Riddle verantwortlich, ebenso wie für das folgende Album, welches ein weiteres Highlight der Reprise-Phase und aus 60 Jahren ist. Ich spreche von "Moonlight Sinatra". Ein weiteres Mal dürfen wir einem Meisterwerk lauschen.
Auch zahlreiche gute bis sehr gute Swing-Alben wie "Ring-A-Ding-Ding" der "Swing Along With Me" lieferte Sinatra während dieser ersten fünf Jahre ab.
Dunkler fallen da schon die restlichen fünf Jahre der Reprise-Phase aus. Frank Sinatra machte während seiner gesamten Karriere freiwillig immer wieder gewisse Zugeständnisse an den Zeitgeschmack, hier jedoch scheint er mehr als einmal von allen guten Geistern verlassen und macht sich einfach nur noch zum Horst. "That's Life" beispielsweise ist in seiner Schlechtheit wenigstens noch konsequent. Hier gibt es nixhts, mehr was man noch beschönigen könnte. Gleich mehrere negative Superlativen treffen hier aufeinander, so zum Beispiel, dies wären ein grässliches Cover, eine vermurkste Aufnahmetechnik (Da viele Sinatra-Freeman Aufnahmen ähnlich klingen, dürfte dies ein gewollter Effekt sein), geradezu inferior zu nennendes Songmaterial sowie eine gleichgültige und historisch schlechte interpretatorische Leistung von Seiten Sinatras.
Hinzu kommen Arrangements, die einem das Laufen lernen können!
Setzt man 1000 Affen 1000 Jahre lang an eine Schreibmaschine, so kommt ein Riddle dabei heraus. Setzt man jedoch tausend besoffene Affen an eine Schreibmaschine und gibt man ihnen höchsten Zehn Minuten, so erhält man ein Freeman-Arrangement. Dies dürfte "That's Life" ausreichend erklären.
Ein weiterer Tiefpunkt dieser Jahre ist "The World We Knew", eine lieblose Zusammenstellung der unterschiedlichsten Songs.
Nicht weniger als 5 Arrangeure lieferten für dieses Album Arrangements.
Mit Ausnahme von "Drinking Again" kann Keiner der Songs überzeugen, am Wenigsten "Some Enchanted Evening" mit einem primitiven Knochenbrecher-Arrangement von H.B. Barnum, hiermit kommt Sinatra überhaupt nicht klar..
Um seine Unsicherheit zu kaschieren schreit Sinatra hier letztendlich nur noch.
Der Himmel weiß, warum Sinatra sich zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere freiwillig derart erniedrigte, aber wir dürfen annehmen, dass Geld dabi eine Rolle spielte...
Eine weitere Sternstunde Sinatras ist allerdings "Francis Albert Sinatra & Antonio Carlos Jobim".
Für dieses Projekt verbündete er sich mit dem Südamerikanischen Bossa Nova-Star Antonio Carlos Jobim und liefert einmal mehr ein Meisterwerk ab. Spontan würde ich es als eine Hommage an die Entspanntheit bezeichnen.
Es folgen bis 1971 eine Hand voll mehr oder wenige gute Alben, sowie mit der B-Seite von "Sinatra & Company" einmal mehr ein kapitaler Ausrutsdcher. Hier spielt allerdings Sinatras schlechte stimmliche Verfassung die tragende Rolle. Die Singles der Reprise-Phase bis 1971 sind zum Teil auch nicht gerade das wahre, bei "Forget Domani" beispielswiese hilft nur noch die Stop-Taste oder ein Schluck aus der Pulle. Wegen derartiger Songs hätte Sinatra sich Anfang der 50er beinahe aufgehängt, hier hat er dieses Stück freiwillig aufgenommen.

In Summe eine sehr gutes Jahrzehnt wenn man den Müll dort belässt wo er hingehört, nämlich im Schrank.
Bis man allerdings weiß, was denn nun der Müll ist, ist es aber wahrscheinlich schon zu spät...

Reprise-Phase II bzw. Capitol-Phase II, kurz gesagt: - Post-Retirement Phase (1973-95)

*Schock*
Zunächst ist man erst einmal erstaunt, wenn man die ersten Töne aus "Ol' Blue Eyes Is Back" vernimmt. Rauher hat Sinatras Stimme vorher und nachher nir geklungen wie von 1973 bis etwa '76.
Nur allzu deutlich wird das auf Konzerten dieser Zeit.
Wer den "Pain Event" als schlecht empfindet, sollte sich erstmal die Konzerte aus Sydney oder Jerusalem von '74 bzw. '75 anhören.
Hier klingt Sinatra geradezu kratzbürstig, zum Teil schreit er mehr als dass er singt, wohl um seine stimmliche Nicht-Fähigkeit zu zerschreien.
Hinzu kommt ein merkwürdig anmutender Klang beim Wechsel von tiefen zu hohen Tonlagen, sehr schwer zu beschreiben.

Die paar Single-Einspielungen bis '77 sind zum allergrößten Teil auch eher schlecht als recht. Ich höre sie fast nie, für mich sind sie einfach nur uninteressant.
Ebenso kurios wie legendär dürften allerdings die beiden Disco-Versionen von den Klassikern "Night And Day" und "All Or Nothing At All" sein. Letztendlich hört man hier nicht mehr viel von Sinatras Stimme, im wahrsten Sinne vernimmt man hier nur noch einen kläglichen Wiederhall seiner früheren Interpretationen der Songs.
Faszinierend ist ein neuerliches, aber nur vorübergehendes stimmliches Hoch der Jahre '77 bis etwa '80.
Auf Konzerten merkt man deutlich ein Wiedererstarken der Sinatrischen Fähigkeiten, als Geheimtipp sei hier "Ceasars Palace 1977" genannt.
Großartig fällt auch "Trilogy" aus, man merkt Sinatras Stimme zwar ihr Alter an, dennoch wirkt sie hier nicht störend.
Der Grund hierfür dürfte sein, dass er wieder eine bessere Kontrolle über seine Stimme hatte.
Außerdem sollten wir wir Gott dafür danken, dass er uns das Konzert "Carnegie Hall 1980" geschenkt hat, man ist wahrlich geneigt, vor Freude nierdzuknien.
Ab 1980 ging es dann wieder bergabwärts. Zwar gab es immer mal wieder ganz gute Jahre, richtig erholen sollte er sich aber nie mehr.
"L.A. is My Lady" beispielsweise ist doch nur noch ein einziges Trauerspiel, ein trauriges Mahnmal hierfür dürfte "Stormy Wäwwah" sein, wer das mit "Blues" abzutun versucht, dem kann eigentlich nicht mehr zu helfen sein.
Wer die Capitol-Version im Ohr hat, kann eigentlich nur noch in Tränen ausbrechen.
1986 ist dann wieder ein vergleichsweise gutes (Konzert-) Jahr, danachist dann allerdings wirklich Hofen und Malz verloren.
Ab 1989 bringt es Sinatra dann eigentlich fast gar nicht mehr.
Die "Duets"-Scheiben sind ein weiteres Thema, zumindest sind sie aber besser als "L.A. Is My Lady".
"Duets 2" beispielsweise weist zumindest von Sinatras Seite noch einige erstaunliche Qualitäten auf, dies ist natürlich nicht verwunderlich, denn für viele Tracks hatte man sich ja die Rosinen aus den verschiedensten Konzerten rausgepickt.

So, das wars. Ergebnis ist also, dass ich die Capitol-Phase als die unvergleichbar beste Schaffensphase erachte.
Ob danach Reprise oder Columbia kommt, vermag ich nicht zu sagen. Das kommt auf die Stimmung an...
Wir haben übrigens -8°C

Holger Schnabl
Prinzipal & Melancholiker


Beiträge: 1.635

29.01.2006 17:57
#4 RE: Thema 2005: Sinatras unterschiedliche Schaffensperioden Zitat · antworten


Guten Tag!

Alles was rechts, links, oben und unten ist:
Dies ist ein wahrlich gewaltiger, ja kolossaler Beitrag und zeugt von echter Begeisterung für die Sache. Es war mir eine Freude, ihn lesen zu können und ich bin mir sicher, dass der überwiegende Teil des hierorts sich tumelnden Publicums ganz ähnlich empfinden wird. Mit vielem, wenn auch nicht mit allem, stimme ich übrigens überein – in den nächsten Tagen werde ich versuchen, noch einige Ergänzungen aus meiner Sicht der Dinge nachzureichen.
Beiträge wie der obige sollen und müssen uns allen ein Ansporn sein!


Allen noch einen gemütlichen Abend
H.S.

Sinatra - Entertainer Of The Century
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“...die Diskussion geht weiter!...wo wenn nicht hier, wann wenn nicht jetzt?“

Bunsenbrenner Bruno


Beiträge: 237

12.04.2006 18:33
#5 RE: Thema 2005: Sinatras unterschiedliche Schaffensperioden Zitat · antworten

+++Beiträge wie der obige sollen und müssen uns allen ein Ansporn sein!+++
Wie alles aus ihrer Feder eine leere Ankündigung.

Holger Schnabl
Prinzipal & Melancholiker


Beiträge: 1.635

24.05.2012 15:12
#6 RE: Thema 2005: Sinatras unterschiedliche Schaffensperioden Zitat · antworten

Guten Tag!

Vorderhand möchte ich (mit einiger Verspätung, mit einiger Verspätung) ein paar Worte zur Reprise-Phase verlieren, zu ihrem Inhalt und - dies ist eine Hauptfrage - ihrem Sinn überhaupt. Je nun, nachdem die Capitol-Phase musikalisch konservativ verlief (Sinatra recycelte sehr oft Lieder der vorangegangenen Phasen seiner Karriere, ließ sich anders als in der Columbia-Periode kaum je auf Experimente ein), wurde Sinatra - nachdem er Anfang der 60er Jahre musikalisch noch nahtlos an die Capitol-Zeit anschloss, ab Mitte der 60er Jahre wieder wagemutiger, wagte sich fallweise auf neues Terrain - nicht zuletzt um nicht in Zeiten, in denen Pop und Rock zum beherrschenden Stil geworden waren, völlig altmodisch und total verzopft zu erscheinen. Manche Experimente erwiesen sich als erfolgreich (Sinatra-Jobim), andere als Fiasko (Watertown). Die verstärkte Hinwendung Sinatras zur damals aktuellen Popmusik, die auch in den 70ern noch anhielt, muss uns aber in jedem Fall fragwürdig erscheinen und zeitigte insgesamt wenig erfreuliche Resultate.

Kommen wir zum Gehalt der Reprise-Platten, meine hochgeehrten Damen und Herren - was ist von höchster Qualität, was eher verzichtbar?

Eine schwierige Frage, was braucht man nun wirklich aus der Reprise-Zeit von 1960-88? Entscheidend für die Auswahl ist sicher, ob man sich eher auf unkomplizierte Art und Weise unterhalten möchte, oder ob man auch vom Künstlertum des Sängers etwas mitbekommen will. Daneben gibt es natürlich auch die Komplettisten, die jede Sinatra-Platte haben wollen (müssen), ganz egal ob atemberaubendes Meisterwerk oder katastrophaler Schmarren. Diese Hörer bedürfen natürlich ohnehin keiner Empfehlungen. Nun denn:

Jene, die sich einfach gut unterhalten wollen und bei denen der Spaßfaktor vor dem „Kunstgenuss“ rangiert, kommen meiner Ansicht nach mit folgenden Reprise-Platten am besten weg:

Ring A Ding Ding
Sinatra Swings
Sinatra-Basie
It might as well be Swing
A Man And His Music
Sinatra At The Sands
My Way
Some Nice Things I´ve Missed
Trilogy

Jene, die abgesehen vom puren Unterhaltungswert wirklich wissen wollen, warum Sinatra von der Kritik als einer der besten, wenn nicht als bester Pop-Sänger überhaupt gehandelt wird, und bei denen künstlerische Qualität – auch wenn sie meistens schwerer zu konsumieren ist als pure Unterhaltung – eine Rolle spielt, seien folgende Alben aus dieser Zeit empfohlen (Wirkliche Qualitätsalben sind in der Reprise-Zeit leider Mangelware, ein Umstand den zu beweinen man nicht müde werden kann):

I Remember Tommy
Sinatra And Strings
The Concert Sinatra
September Of My Years
Moonlight Sinatra
Francis Albert Sinatra & Antonio Carlos Jobim
Francis A. And Edward K.

Die restlichen, oben nicht aufgeführten Reprise-Alben, so um die funfzehn an der Zahl, sind weitestgehend vernachlässigenswert und allerhöchstens für den ubeirrten Komplettisten einigermmaßen von Interesse.

Stellt sich nun noch gar die Frage nach dem wirklich BLEIBENDEN WERT, bleiben von den über dreißig Platten der Reprise-Phase nur wenige übrig. Mit strengen Qualitäts-Maßstäben gemessen, sind es meiner Meinung nach folgende Alben, von denen ich sagen würde, dass sie aus den vielen Reprise-Platten wirklich herausstechen und ein die Zeiten überdauerndes Vermächtnis darstellen:

I Remember Tommy
(for old time´s sake und weil Sinatra hervorragend bei Stimme ist)

September Of My Years
(weil an dieser Platte einfach alles stimmt)

Moonlight Sinatra
(siehe September, außerdem das letzte WIRKLICH gut gesungene Album)

F.A. Sinatra & A.C. Jobim
(weil es ganz einfach wunderbare und entspannte Musik ist)

Francis A. And Edward K.
(ein sträflich unterschätztes reifes Spätwerk zweier Meister)

Gehe ich noch einen Schritt weiter und picke nur jene Platten heraus, bei denen wirklich ALLES stimmt, also Songs, Arrangement und Stimme gleichermaßen herausragend sind, bleiben in der Reprise-Phase überhaupt nur mehr zwei Platten übrig:

September Of My Years
Moonlight Sinatra

Ziehe ich nun noch in Betracht, dass manche Songs von Moonlight Sinatra vom Text her etwas simpler Natur sind, zieht sich die Schlinge unerbittlich noch enger zusammen und siehe da, was bleibt aus der ganzen Reprise-Phase an Platten übrig, die von absolut höchster Qualität sind und auch den hohen Standards der Capitol-Concept-Alben gerecht werden?

September Of My Years und kein weiteres sonst...

Das ergibt bei Anlegung strengster Qualitätsmaßstäbe insgesamt eine doch recht ernüchternde, ja: düstere Bilanz für die Zeit bei der Firma Reprise, meine verehrten Leserinnen und Leser.


Im Gegenzug gibt es von den 16 Capitol-Meilensteinen kaum ein Album, das man missen sollte (wollte), wenig überzeugend sind allenfalls das Christmas-Album (des Inhalts wegen, Christmas-Alben sind immer und in jedem Fall Schwachsinn, egal wer nun singt) und vielleicht noch Sinatra´s Swinging Session (erreicht nicht ganz die überragende Qualität der anderen Capitol-Swing-Alben, ist aber immer noch um Klassen besser als die meisten vergleichbaren Reprise-Swing-Alben).

Ich würde überhaupt sagen, für angehende Sinatra-Sammler ist es das beste, sich vorerst einen Reprise-Sampler wie „My Way“ bzw. „Reprise Collection“ anzuschaffen, damit man die unvermeidlichen größten Hits erst mal hat und sich dann sofort auf die Capitol-Alben sowie die Capitol-Singles-Collection zu stürzen. Sodann aber wäre es gut und höchst an der Zeit, sich die sagenhafte Columbia-Box (derzeit leider gestrichen) sowie die Dorsey-Box anzuschaffen. Das Dorsey- und Columbia-Schaffen ist für mich persönlich geradezu überwältigend, vielleicht sollte man überhaupt hier zu sammeln beginnen. (Wer Ohren hat zu hören, der höre Dorsey- und Columbia-Sinatra) In den sauren Apfel der Reprise-Platten sollte man erst beißen, wenn man die Capitol- und Columbia-Werke vollzählig hat.

Obige Empfehlung gilt freilich nur für den Fall, dass man sich zunächst mit den „neueren“ Werken eindecken will und sich nach und nach bis zum Beginn der Karriere des Sängers vorarbeiten möchte. Im gegenteiligen Falle ist es opportun, mit den Complete Recordings von Sinatra zusammen mit Harry James (1939) zu beginnen. Vieles spricht überhaupt für eine solche Vorgehensweise, wenngleich gesagt werden muss, dass man so zum Ende der Sammlerlaufbahn im Spätwerk zumeist auf arg Enttäuschendes stossen wird...

In Summe also scheint mir, dass Sinatra´s Reprise-Schaffen in den ersten Jahren mit früheren Glanzleistungen durchaus mithalten kann, später dann die künstlerische Qualität mehr und mehr versiegt, ein unerfreulicher Umstand welcher noch verstärkt wird - verstärkt vom stimmlichen Abbau des zwangsweise in die Jahre kommenden Sängers. Aus diesen Gründen stellt die Reprise-Phase (wiewohl sie sich zunächst sehr gut anließ) die mit Abstand am wenigsten erquickende Phase in der Karriere des Sängers dar, vor allem natürlich nach 1973 (dem einschneidendsten und ihm am allerwenigsten zur Zierde gereichenden Wendepunkt in der Laufbahn des Sängers).

Mein gut gestopftes Pfeifchen glüht und schmaucht, dass es eine herbe Freude ist, die Ideen prasseln nur so auf mich ein und in Bälde schon werde ich mich an eine schriftliche Aufarbeitung der oben erwähnten, noch verbleibenden Phasen der Karriere des Barden machen - meine sehr verehrten Damen und Herren: tun Sie es mir gleich, ich bitte Sie recht freundlich bis halbwegs herzlich. Sezieren Sie Sinatra´s Laufbahn wie unter dem Mikroskop, reden Sie Tacheles und tragen sie auf diese Weise dazu bei, den einen oder anderen hierorts anwesenden, vielleicht noch unbedarften Sinatra-Neuling zu schulen - zu schulen, ohne zu schulmeistern, ganz wie es den Grundintentionen dieser virtuellen Kommunikationseinrichtung entspricht. Meine Damen und Herren: Sie haben das Wort, Sie haben das Wort.

Allen noch einen gemütlichen Abend
H.S.


Statten Sie bei Gelegenheit auch meiner umfangreichen Sinatra-Webseite einen Besuch ab:
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Sehr geehrte Damen und Herren Leserinnen und Leser - Sie befinden sich in einer Kommunikationseinrichtung, welche den ENTERTAINER OF THE CENTURY (mit anderen Worten SINATRA, SINATRA und nochmals SINATRA) in ersprießlicher Weise thematisiert wissen möchte. Geschätztes Publicum: Diese Einrichtung ist in der Tat so hochgradig erquickend, so ungemein gastlich, der Wohlfühlfaktor so enorm hoch, dass es kurzum nichts Geringeres denn eine wahre Lust ist, sich hierorts aufzuhalten und sich durch die mannigfaltigen Rubriken zu bewegen! Sehen Sie sich gut und in aller Ruhe um und Sie werden - darauf mein Wort - nicht umhinkommen zu sagen: "Hier ist es schön, hier will ich bleiben."

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